Musik-Business
verfasst von OLJO-Team

Radio Airplay Charts: Nielsen stellt Ermittlung ein, neuer Anbieter mit Wucherpreisen

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Wie die deutsche Musikindustrie am 29.08.13 mitteilen liess, werden die deutschen Radio Airplay Charts im Auftrag der Musikindustrie ab dem 01.09.13 von dem deutsche Unternehmen Bach Technology aus Ilmenau durch dessen Dienst Music DNA Radio erstellt. Die Erfassung basiert dabei auf der bereits lange üblichen ‘Fingerprint’-Technologie (jeder Song hat einen unverwechselbaren digitalen Daumenabdruck, der unhörbar für den Menschen am Anfang eines Songs mitausgestrahlt wird).
Das in niederländischem Besitz befindliche US amerikanische Meinungsforschungsunternehmen Nielsen stellte seine Radioabspielüberwachungen (Abtastungen) in Europa am 01.09.13 vollumfänglich und endgültig ein.
Warum Nielsen (The Nielsen Company, sitz: New York) die Radio Airplay Erfassung in Europa einstellt, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Einen Grund für das Ende der Airplayüberwachung in Europa hat Nielsen nicht mitgeteilt.
Hinweis: Nielsen Airplay Tracking ist nicht zu verwechseln mit Nielsen SoundScan in den USA. Das Tracking System SoundScan erfasst für The Nielsen Company einen großen Teil der Tonträgerverkäufe in den USA.

Hauptänderung für die Ermittlung von Radio Airplay Daten in Deutschland durch den Bach Technology Dienst Music DNA Radio: alle Plattenfirmen sind ab jetzt zwingend dazu verpflichtet ihre Songs bei Music DNA anzumelden. Ohne Anmeldung erfolgt keine Listung in der von Bach im Auftrag der Industrie ermittelten Airplay Charts. Eine Anmeldung erfolgt entweder über das kostenpflichtige Phononet genannte Musikdaten-Erfassungsystem der deutschen Musikindustrie, oder durch Direktanmeldung. Bach bietet dafür einen Uploadservice. Bach wird somit zum dem Datenmonopolisten, der Nielsen zuvor war.

Trotz neuem Anbieter wird sich in der Veröffentlichungspolitik bei den Airplay Charts natürlich Nichts zum Guten ändern. Man darf sogar befürchten, dass die Verheimlichung bzw die extreme Verteuerung von Informationen seitens der Musikindustrie mit Hilfe von Bach stattdessen weiter vorangetrieben wird.

Info:
Einsicht in die deutschen Airplay Charts (bereitgestellt durch den Verband der deutschen Musikindustrie BVMI) kostet für BVMI Mitglieder 744€ im Jahr (plus 651 € einmaliger Aufnahmegebühr).
Eine BVMI Mitgliedschaft ist nur im Handelsregister eingetragenen Labeln (mit Labelcode) möglich…
Wie auch bei Nielsen lässt auch bei Music DNA die Aktualität der ermittelten Charts arg zu wünschen übrig.
Jeden Freitag wird nicht etwa das Airplay der dann abgelaufenen AKTUELLEN Chartwoche veröffentlicht, sondern das Ergebnis der Vorwoche! Beispiel: Die Chartveröffentlichung für BVMI Mitglieder am Freitag 06.09.13 umfasst die von Music DNA erfassten Abspielungen von angemeldeten Titeln im Zeitraum 23.08.13 bis 29.08.13 (Kalender- bzw genauer gesagt Chartwoche 35…).
Unbekannt ist, ob eine Gewichtung der Abspielungen nach Hörerreichweite durch Music DNA irgendwie bewerkstelligt wird. Die Zahl der reinen Abspielungen ist zwar interessant (international auch nicht unüblich), aber die tatsächliche bzw. halbwegs gut geschätzte Zahl der Hörerkontakte, die die Abspielung eines Musikstückes erbringt, ist bei weitem aussagekräftiger. Das gilt insbesondere für den deutschen Radiomarkt. Beispiel NRW:
Wird in Nordrhein-Westfalen von Music DNA jede Song-Abspielung in einem der zahlreichen Lokalradios, die unter dem Dach von Radio NRW firmieren, einzeln gezählt, obwohl der größte Teil der von den Lokalradios abgespielten Hit Musikstücke durch einen zentralen Server erfolgen?
Das würde dann bedeuten, dass jede Abspielung eines Songs in “Pusemuckel” (Sauerland, 100.000 Hörer) in den Music DNA Charts gleichbedeutend zu einer Abspielung im landesweiten Popsender 1Live (4 Mio Hörer) wäre. Uns würde das im höchsten Maße misfallen, denn wer über gute Kontakte zu den Betreibern des Radio NRW Zentralservers verfügt, könnte sich so vergleichsweise leicht ein gutes Standing in den Music DNA Airplay Charts ‘ermogeln‘. Na…und wer da wohl die besten Kontakte hat ist doch wohl klar. Sicher nicht die kleineren unabhängigen Musikunternehmen…
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Die neue Kostenfalle:
Hasenfuss am Anbieterwechsel ist zudem, dass regelrecht lachhafte Preise von Bach für die Datenerlangung durch dort angemeldete Kunden verlangt werden. Die Überwachung von nur 15 Songs im deutschen Airplay kostet laut Bach Webseite PRO MONAT sage und schreibe 45€, die Überwachung von 30 Songs gar lächerliche 85€.
Die Airplay-Überwachung des Songkatalogs eines einzelnen Acts/Künstlers kostet bei Bach pro Monat glatte 25€.
Für kleinere Plattenfirmen kann es eine erheblich gewinnmindernde Finanzbelastung werden, wenn sie den Airplayerfolg ihrer Künstler vollumfänglich kontrollieren möchten. Bei sagen wir mal 50 Künstlern kämen PRO MONAT absurde 1.250€ zusammen. Für Künstler, die ohne Plattenvertrag sind (solche gibt es durchaus auch im Radio, vor allem bei den durch Bach angeblich ebenfalls erfassten Webradios) wird durch die hohen Preise eine Informationsermittlung praktisch unmöglich gemacht.
Zuckerbrot, das Bach den Künstlern hinwirft ist, dass man durch die von Bach ermittelten und vom Kunden gekauften Informationen angeblich Lizenzgebühren geltend machen kann. Für Deutschlanbd gilt: Das ist Blödsinn!
Die Gema Radio Abspielvergütungen werden von der GEMA selbst errechnet und sind gerichtlich praktisch NICHT ANFECHTBAR und eh nicht sonderlich nutzungsabhängig.
Unklar ist, wer denn für die GEMA z.B. die Radio Abspielungen überhaupt ermittelt. Das ist geheim. Die GEMA gibt dazu keine Auskunft. Es dürfte sich unserer Vermutung nach aber um denjenigen Handeln (nämlich den BVMI), der eh den Löwenanteil der GEMA Ausschüttungen bekommt…
Ohnehin bekommen natürlich nur GEMA Mitglieder Ausschüttungen aus Abspielgebühren (Vergütungen z.B. aus Radioabspielungen), die aber nach einem Punktesystem gestaffelt sind, der anderen als den 2500 ordentlichen Mitgliedern (darunter eben 240 Musiklabel), nur ein bescheidenes ‘Taschengeld’ lässt. Die GEMA Mitgliedschaft ist ausserdem empfindlich kostenpflichtig.

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